Hallo Giryu,
vielen Dank für deine Antwort - schön zu lesen, dass sich noch mehr Leute damit beschäftigen.
Kannst Du die von dir kurz skizzierten Anwendungen noch etwas genauer erläutern - bislang seh ich da nämlich noch keinen wirklichen Bezug zur Kata, denn für diese drei Anwendungen wäre eine ganz einfache Technik wie Age-Uke oder Soto-Uke doch mindestens genauso gut, wenn nicht besser, und der Sinn von Jodan Shuto Uchi Uke mit Shuto Age Uke als Kombinationstechnik ergibt sich für mich daraus nicht. Ebenso, warum die Technik langsam ausgeführt wird und warum zuerst von unten ausgeholt wird. Auch die Hebeltechnik kann ich in der Kata nicht wiederfinden. Um meine Anforderung an Bunkai vieleicht noch etwas zu präzisieren: Ich suche nach Anwendungen, die durch genau die in der Kata gezeigte Technik optimal ausführbar sind - wo also die Kataelement so oder ähnlich vorkommen wie in der Kata. Eine Anwendung, die im "normalen Leben" wenn es nicht um Kata-Bunkai geht niemand so machen würde, weil die Technik zu kompliziert oder einfach nicht als Abwehr oder Angriff in dieser Situation bzw. für diesen Angriff geeignet ist, sehe ich nicht als (sinnvolles) Bunkai.
Beispiel: Nijushiho, die Sequenz Handrücken"block" Chudan, ZK vor Empi-Uchi Jodan, Gedan Gyaku-Tsuki, Suri-Ashi zurück mit Gedan Barrai. Eine Anwendung, die mir jemand verkaufen wollte: Chudan-Tsuki mit den Handrücken blocken, dann vor mit Empi-Uchi unters Kinn, Tsuki hinterher, dabei die Empi-Hand "zum Schutz" in Jodan-Soto-Uke und anschließend greift der Gegner nochmal mit Mae-Geri an und den wehrt man mit dem Gedan-Barrai ab. Ich halte diese Deutung für Unsinn weil:
a) Soweit weg wie die Hand beim Handrücken"block" ist brauch ich nicht abzuwehren, außerdem wäre ein Uchi-Uke wesentlich effizienter und sicherer.
b) warum sollte ich mich danach ohne Vorbereitung so nahe an den Gegner heranbegeben, dass ich einen Empi gegen sein Kinn ansetzen kann, warum nehm ich da nicht eher nen Tsuki oder bereite den Empi wenigstens vor
c) Hand zum Schutz ... dann würd ich sie vors Gesicht halten, aber nicht daneben in der Hoffnung dass genau da jemand angreift (die komplette Rechte Seite ist nämlich jetzt offen und dem Gegner zugedreht)
d) Wenn Empi und Gedan-Tsuki gesessen haben macht der andere jetzt eher keinen Mae-Geri - wenn doch, warum wehr ich den nur ab und kümmer mich dann nicht mehr um den Angreifer und dreh im anschließend sogar den Rücken zu?
Besser Lösung, die realitätsnäher und trotzdem noch nahe an der Kata ist:
Der Handrückenblock ist eigentlich ein Uchi-Uke der nen Griff oder Schlag zum Kopf/Hals o.ä. wegwischt und danach den Gegner im Nacken festhält und in mich reinzieht. Jetzt steht der Kerl, da er mir vorher ja fast am Kopf war, ziemlich nah bei mir, ich geh also nen kurzen Schritt nach vorne und geb ihm den Empi mit wobei meine linke Hand seinen Kopf festhält damit der auch nicht wegläuft... Der Soto-Uke packt den Gegner am Kopf (Haare, Ohren, Nacken mit der Armbeuge...) und zieht in noch immer zu mir ran, der linke Arm macht nen "Upppercut" in den Magen. Dadurch beugt sich mein Gegenüber mit dem Kopf noch weiter nach vorne, wahlweise kann ich im zurückgleiten durch ziehen noch etwas nachhelfen. Der Gedan-Barrai ist dann ein Schlag zur Schläfe, wenn der Kopf von meinem Gegenüber sich mittlerweile ungefähr auf meiner Bauchhöhe befindet. Danach ist der Käse gegessen.
Schade ist, dass sich für die höheren Kata mehrere Leute Gedanken ums Bunkai auch in der Tiefe und abseits vom "3 mal vor mit Age-Uke = drei Tsukis von einem Gegner abwehren, der zurück geht"-Bunkai machen. Für die Heian-Katas interessieren sich die Leute aber anscheinend nicht so sehr, da läufts weil es ja "Grundkatas" sind, auch auf (unrealistisches) "Grund-Bunkai" hinaus - das finde ich sehr schade (Für die Tekki-Reihe interessiert sich dann eh keiner mehr

).
Sonnige Grüße
Scorpius